Ich fotografiere am liebsten mit alten Kameras. Das ist kein schnelles Hobby. Eine Blende muss man von Hand einstellen. Der Film will manuell vorgespult sein. Manchmal dauert es Wochen, bis ich ein Bild entwickeln kann. Das zwingt mich, langsamer zu gehen. Jeder Schritt wird bewusster. Jeder Blick sucht nach einem Bild, das diesen Aufwand wert ist. Vor ein paar Wochen nahm ich meine Voigtländer Bessa aus den 1930er Jahren und machte mich auf den Weg nach Hürth. Mein Plan war einfach: Einen ganz normalen Nachmittag in der Stadt durch den Sucher einer anderen Zeit zu sehen.
Ich startete am Otto-Maigler-See. Das Wasser war ruhig, ein paar Menschen liefen mit Hunden am Ufer. Die Szene war modern, aber mein Apparat sah sie in schwarzweiß. Ich stellte den Fokus ein, spulte den Film weiter und drückte auf den Auslöser. Es gibt ein angenehmes, mechanisches Klicken. Eine Belichtung weniger auf dem Film, eine Erinnerung mehr im Kopf. Von dort aus schlenderte ich Richtung Stadtzentrum. Meine Recherche vor dem Besuch hatte mir gezeigt, dass die Stadt eine interessante Mischung aus Geschichte und moderner Entwicklung ist. Wer mehr über die Struktur und die vielen Facetten von Hürth erfahren möchte, findet eine gute Übersicht bei berli-huerth.com.
Die Kunst, sich nicht zu beeilen
Mit einer digitalen Kamera knipst man hundert Bilder in zehn Minuten. Mit meiner Bessa sind es vielleicht zehn an einem ganzen Tag. Das verändert alles. Man wird wählerisch. Man wartet auf das richtige Licht. Man beobachtet, wie Schatten wandern. In der Fußgängerzone blieb ich vor einem Bäckerladen stehen. Nicht wegen der Auslage, sondern wegen des Musters, das der Morgen son auf das Pflaster warf. Ein Mann wartete auf seinen Bus. Sein Schatten fiel lang und scharf über die Haltestelle. Das war das Bild. Nicht er selbst, sondern sein Schatten.
Architektur als Zeitschichten
Hürth zeigt seine Geschichte in der Architektur. Alte Bauernhäuser stehen neben klaren Nachkriegsbauten. Und dann sind da die großen, modernen Gebäude der Gewerbegebiete. Für mich sind das keine Stilbrüche, sondern Zeitschichten. Ich suchte nach Kompositionen, die diese Schichten zusammenbrachten. Ein altes Fachwerk im Vordergrund, eine gläserne Bürofassade dahinter. Die Schwierigkeit liegt im Belichtungsmesser. Das helle Glas will das Bild überstrahlen, das dunkle Holz fordert mehr Licht. Ich belichtete für die Mitteltöne und hoffte, dass der Film beide Details einfangen würde.
- Die Voigtländer Bessa, Modell 1937, mit einem Skopar 105mm Objektiv.
- Ilford HP5 Plus Schwarzweißfilm, belichtet auf ISO 400.
- Ein handgefertigtes Leder-Trageband, das den Transport erleichtert.
- Ein kleines Notizbuch für Belichtungszeiten und Motive.
Das versteckte Motiv findet den Fotografen
Die besten Aufnahmen plant man nicht. Sie geschehen einfach. Auf dem Weg zum Hermülheimer Friedhof, einem Ort der Ruhe mit alten Grabsteinen, bog ich in eine kleine Nebenstraße ein. Dort stand ein verlassen aussehender Lieferwagen. Rost fraß sich durch das Blau der Karosserie. Auf dem Beifahrersitz lag eine Zeitung von 1998. Vor dem Wagen wuchsen Löwenzahn und Gänseblümchen durch den Asphalt. Diese stille Beobachtung von Verfall und neuem Leben war perfekt. Ich brauchte drei Minuten, um den richtigen Standpunkt zu finden. Die Belichtung war knapp, das Licht unter den Bäumen schwach. Ein Risiko.
Warum Analogfotografie das Sehen lehrt
Man lernt, mit den Augen zu messen. Nach einer Weile weiß man, wie hell das Sonnenlicht auf einer weißen Mauer ist. Man schätzt den Kontrastumfang einer Szene. Man denkt in Graustufen, nicht in Farben. In Hürth half mir das. Die bunte Werbung eines Geschäfts interessierte mich nicht. Aber der Riss im Putz daneben, der wie eine Landkarte aussah, der war es wert. Diese Fokussierung auf Textur, Form und Licht ist das Geschenk der analogen Fotografie. Sie trainiert das Auge, lange bevor man den Auslöser drückt.
Ein Foto entsteht nicht beim Drücken des Auslösers. Es entsteht in den Minuten davor, in denen man stillsteht und wartet.
Der Moment der Unsicherheit
Wenn der Film voll ist, ist die Arbeit getan und doch nicht erledigt. Man trägt 36 potenzielle Bilder nach Hause. Manche sind gut. Manche sind nichts. Einige sind Überraschungen. Die Spannung, bis der Film entwickelt und die Kontaktabzüge gemacht sind, ist ein wesentlicher Teil des Prozesses. Es ist die Zeit der Unsicherheit. Hat das Bild mit dem radfahrenden Kind vor der Stadtbücherei die richtige Schärfe? Ist die Belichtung am Kalscheurer Weiher gelungen? Diese Pause, dieses Nicht-Wissen, macht den Moment des Sehens später so viel intensiver.
Was von dem Tag übrig blieb
Von den 36 Aufnahmen an dem Tag in Hürth waren etwa acht wirklich gelungen. Das ist eine gute Quote. Eine zeigt den langen Schatten an der Bushaltestelle. Eine andere den rostigen Lieferwagen. Meine persönliche Lieblingsaufnahme ist jedoch unspektakulär. Sie zeigt einen Wasserschlauch, der auf einem Gehweg in Hermülheim aufgerollt liegt. Das spiralförmige Muster, das nasse Glänzen des Gummis, die Art, wie der Schlauch den Raum definierte. Es ist ein stilles, alltägliches Bild, das die Essenz des Tages einfängt: Langsamkeit und bewusste Wahrnehmung.
- Man sieht mehr, wenn man weniger fotografiert.
- Technische Limitierungen fördern die kreative Lösung.
- Der Wert eines Fotos misst sich nicht in Megapixeln, sondern in der Absicht dahinter.
- Ein Ort erschließt sich neu, wenn man ihn mit einer einzigen Aufgabe betritt.
Ich werde wieder nach Hürth gehen, vielleicht mit einer anderen alten Kamera. Die Stadt hat genug Ecken und Winkel, die eine solche Herangehensweise belohnen. Es geht nicht darum, ein perfektes Postkartenmotiv zu finden. Es geht darum, einen ganz normalen Ort auf eine Weise zu sehen, die mir sonst entgehen würde. Der Film in der Kamera ist nur das Mittel. Das eigentliche Ziel ist der Spaziergang selbst.